MOORBESIEDLUNG

Quelle: „so war es 1995” Jahrbuch des Heimatverein Schmittenhöhe-Kalkriese

Motto: „Wasser raus - Kunstdünger rein und viel Knochenarbeit"

„Eine Baugrube haben wir 1950 nicht ausschachten müssen, wir bauten die Grundmauern einfach auf den Boden", erzählt Willi Auf der Heide mit einem Augenzwinkern, wenn er auf die Errichtung der elterlichen Siedlerstelle in Campemoor zu sprechen kommt. Und dabei will mich der heutige Inhaber eines Bagger­betriebes keineswegs auf den Arm nehmen, wie man zunächst meinen möchte. Seinerzeit wurde die sogenannte schwimmende Bauweise noch genauso praktiziert wie rund 30 Jahre zuvor, damals, als für den aus Ostfriesland nach hier kommenden Jost Evers die erste von insgesamt 48 Siedlerstellen im Campe­moor errichtet wurde. Auch für den kurz danach entstehenden Provinzialhof des Moorvogtes Barjenbruch galt Anfang der 20er Jahre das gleiche Bauverfahren.

Dr. Hermann Rothert, von 1911. - 1933 .Landrat des Kreises Bersenbrück, hatte sich die Kultivierung und Besiedlung des Moores gleich zu Beginn seiner Amtszeit auf seine Fahne geschrieben. Im Vinter Moor und im Vördener Moor sollte „Ödland kultiviert" werden, sollten Siedlungen entstehen, um die weitere Ab- und Auswanderung der ländlichen Bevölkerung zu stoppen. Beide Vorhaben konnte der Kreis Bersenbrück jedoch allein nicht verkraften. Nachdem der Kreis Bersenbrück schon mit den Vorarbeiten (Zuwegung und Vorflut) begonnen hatte, übernahm 1921 die Provinz Hannover die weitere Erschließung des Vördener Moores.

Cafe Auf der Heide

„CAFÉ AUF DER HEIDE" - im Juni 1950

Der für Kultivierungsarbeiten zuständige Hans Kuske hatte die aus Latten und Brettern gezimmerte und mit Stroh ausgefüt­terte Baustellenbude scherzhafterweise so benannt. Rechts auf dem Foto ist die zuvor von meterhoher Heide befreite Baustelle erkennbar Im Rahmen der Moorbesiedlung war dieses die letzte Siedlerstelle, die in Campemoor errichtet wurde. Foto: Familienarchiv Auf der Heide

„Wasser raus - Kunstdünger rein", so lautete die vereinfachte Formel für die Erschließung der Moor­flächen zur landwirtschaftlichen Nutzung, weiß Friedrich Brüggemann - der sich wie wohl kein anderer mit der Besiedlungsgeschichte Campemoors befasst hat - zu berichten (siehe auch „Aus Campemoors Chronik"). Bereits während des Ersten Weltkrieges sind unter anderem russische Kriegsgefangene (das Lager befand sich dort, wo heute der Hof Wernke steht) zu Entwässerungs- und Wegebauarbeiten im Moor eingesetzt worden. Gleiches geschah vor und während des Zweiten Weltkrieges mit Reichsarbeitsdienst­und Notstandsarbeitern sowie mit serbischen, französischen und russischen Kriegsgefangenen. Das Arbeitsdienstlager stand auf dem heute der Familie Knebel-Stahl gehörenden Grundstück gegenüber dem Anwesen Otto Remme und wurde im Zweiten Weltkrieg zum Kriegsgefangenenlager umfunktioniert.

Alle 20 Meter liegt im gesamten Moorgebiet ein Drainagestrang aus Tonröhren. Das Werfen der Gräben, Verlegen der Rohre und das Verfüllen der Gräben musste selbstverständlich in Handarbeit geleistet wer­den." So schildert Friedrich Brüggemann die seinerzeitigen Arbeitsbedingungen in dem Buch „50 Jahre Heimatverein Vörden". Bedingungen, die der älteren Generation durchaus noch aus eigenem Erleben be­kannt sind. Neben der harten Knochenarbeit wurden aber auch schon Maschinen zur Kultivierung des Moores eingesetzt. So hatte die Firma Lanz aus Mannheim einen Landbaumotor mit Motorwalze ge­baut. Verbreiterte Räder verhinderten ein Versacken, so dass auf dem zwar entwässerten, aber noch rohen Moor gefräst werden konnte. Auf dem gefrästen Boden wurde eine starke Kalkung vorgenommen (60 Zentner Kalkmergel pro Hektar). Ein weiteres Fräsen schloss sich an sowie die Düngung mit Kali und Phosphorsäure (24 bzw. 12 Zentner je Hektar). Die für Grünland vorgesehene Fläche (2/3 der Siedlerstelle) wurde nach der Einsaat ein- bis zweimal gewalzt.

Unter „Lebensbedingungen, die an die der Amerikaauswanderer des vorigen Jahrhunderts erinnern", ent­standen so jährlich zwei bis drei Siedlerstellen. Bei den Bewerbern handelte es sich überwiegend um Heuerleute aus den angrenzenden Gemeinden, denen das kultivierte Moor zunächst auf Pachtbasis überlassen wurde.

Schulbaracke
Der Schulbaracke von 1927 folgte 1933 die Errichtung einer zweiklassigen Volksschule mit Lehrerwohnung. Das Foto doku­mentiert das Richtfest. Bis 1973 bestand die Volksschule. Das Gebäude wird seither als Vereinshaus genutzt und ist somit weiter kultureller Mittelpunkt der Siedlung. Foto: Archiv Erich Beinke, Vörden

Auch die so genannten „Nachkriegssiedler" kamen als Heuerleute ins Moor. Die Familien Heinrich Duffe, Heinrich Knebel, Gustav Bettenbrock und als letzter Heinrich Auf der Heide wagten 1950 den existentiellen Neuanfang. Auf Kalkrieser Gebiet folgten bis 1955 dann noch die Siedler Hemker, Pösse, Meyer, Guschmann, Pösse und Merhof.

Pferdefuhrwerk
Die Idylle, die dieses Foto auf den ersten Blick vermittelt, trügt. Nur mit Pferdefuhrwerken - hier Willi Auf der Heide - waren die Siedlungen in Campemoor zu erreichen. Erst ein Jahr nach dieser Aufnahme - im Jahre 1951 - konnte die gesamte Siedlung über ein „befestigtes" Wegenetz (Steine aus Kalkrieser Steinbrüchen als Packlage und darauf eine Schotterschicht) erreicht werden. Weitere zehn Jahre später (1959 bis 1961) erfolgte der Bau der heutigen Teerstrassen. Foto: Familienarchiv Auf der Heide

„Als 19jähriger habe ich mit Pferd und Wagen den größten Teil der Baumaterialien ins Moor gefahren", erinnert sich Willi Auf der Heide (siehe auch Foto oben). So wurde beispielsweise der Grubenkies vom Fuhrunternehmer Wernecke von Greven bis zur Kreuzung Schäfer gebracht. Bis dort gab es bereits eine Schotterstraße mit wassergebundener Decke. Ab da musste das Material mit der Hand umgeladen und mit dem Pferdefuhrwerk weitertransportiert werden.

Auch in Kalkriese gab es zu jener Zeit bereits den Fuhrunternehmer Friedrich Schwietert. Morgens wur­den die Milchkannen von den Bauernhöfen zur Vördener Molkerei gefahren und nachmittags Ziegelsteine von der Hollager Ziegelei geholt. Doch auch für Schwieters Hanomag war in Alt-Barenaue Schluss. Ältere Leser mögen sich noch an die Station „bi de haugen Brüggen" erinnern. Ab hier mussten die Pferde ange­spannt werden, „denn in' ne Kürnigspütten was et to de Tiet nau en Schuer Riengen vobi, dann mossen de Piere de Schouhe anmaket weden". Die eisernen Schuhe an den Pferdehufen sorgten dafür, dass sich die Pferde auf dem Moorboden halten konnten.

Hatte man vor dem Zweiten Weltkrieg bei der Drainage Tonröhren einsetzen können, so stand dieses Material nach Kriegsende noch nicht wieder zur Verfügung. Viele aus der Generation der Nachkriegs­siedler erinnern sich deshalb noch lebhaft an das „Busken bienen" (das Binden von Faschinen). Für eine

Übergangszeit der Ersatzstoff für Drainageleitungen, während die jüngere Generation in diesem Zusam­menhang nahezu nur noch von Kunststoffrohren spricht.

Das für das Bauen auf dem Moor eigene Gesetze galten, wurde eingangs schon erwähnt. Die so genannte „schwimmende Bauweise" wurde bis zum Schluss der Besiedlung praktiziert. Was man darunter zu ver­stehen hat, beschrieben Fachleute der Hannoverschen Provinzialregierung 1928 so:

„... Die bisher errichteten Gebäude sind - mit Ausnahme einiger Baracken - massiv gebaut, und zwar auf einer 40 - 50 cm starken, durch Eisenstäbe in sich versteiften Betonplatte, die auf eine Sand­schicht von etwa gleicher Stärke gelegt wird. Hierbei sind die Fundamente so berechnet, dass das fertige Gebäude, bei gleichmäßiger Belastung der Betonplatte, mit seinen Kellermauern gerade so­weit - horizontal - in das Moor versinkt, dass die Eingänge später zu ebener Erde liegen ...".

Je nach Mächtigkeit des Moores wurde ein so genanntes „Schwundmaß" von 1 - 1,50 Meter eingeplant, jenes Maß, um das der Bau in das Moor einsacken würde. Damit das Gebäude später nicht schief stand, wurde peinlichst darauf geachtet, dass das Mauerwerk während der Bauphase am Abend rundum die gleiche Höhe hatte.

Wohnhaus Auf der Heide
Die Aufnahme zeigt das Wohn- und Wirtschaftsgebäude Auf der Heide (Beginn der Betonarbeiten 1.6.1950, Fertigstellungs­datum 28.10.1950 = 1 Tag vor dem 63. Geburtstag des Bauherrn Heinrich Auf der Heide). Die Aufnahme zeigt links die Dielentüröffnung, die in diesem Stadium noch weit oberhalb der Erdgleiche liegt.Foto: Familienarchiv Auf der Heide

Zwischen 15 und 20 Hektar groß waren die Vollerwerbsstellen im Moor, Flächengrößen, über die heutige Vollerwerbslandwirte nur müde lächeln können, da sie zu klein sind für die Existenzerhaltung. Und so haben auch Auf der Heides 20 Jahre nach ihrer Ansiedlung im Moor ihre landwirtschaftliche Fläche verpachtet, um sich ganz dem Baggerbetrieb widmen zu können. „Gleichwohl haben wir heute noch über 20 milchliefernde Betriebe in CAMPEMOOR", weiß Freizeithistoriker Friedrich Brüggemann im Oktober 1994 zu berichten und fügt nicht ohne bäuerlichen Stolz hinzu: „In welcher vergleichbaren Bauern­schaft gibt es das heute noch?"

Alfred Kreyenhagen