Kindheit nach dem zweiten Weltkrieg

Von Hermann Steinhake, Campemoor

Als ich 1938 geboren wurde, wussten meine Eltern sicher noch nicht, in welcher Situation ich aufwachsen, zur Schule gehen und meine Kindheit ver­bringen würde. Auch meine Eltern hatten sich sicher eine bessere Lage Ihrer jungen Ehe vorgestellt. Aber der Krieg und seine Folgen haben in unserem Land vieles auf den Kopf gestellt und ein mühsamer Wiederaufbau musste bewerkstelligt werden. Wie ich als ab sechsjähriger meine Kindheit in Erinne­rung habe, darüber möchte ich einige Dinge berichten. Vorab kann man sagen, dass es zum größten Teil eine arme und genügsame Zeit war, an der ich aber zum größten Teil eine gute und zufriedene Erinnerung habe, auch wenn diese Zeit mit der Lage der heutigen Kind- und Jugendzeit nicht vergleichbar ist.

Meine Schulzeit

Eingeschult wurde ich im Herbst 1944, als der Krieg seinem Ende nahte. Ein 2,5 km langer Schulweg musste zu Fuß bewältigt werden. Zusammen mit den größeren Kindern war er nie langweilig. Es wurde viel erzählt, nach Vogel­nestern Ausschau gehalten und auf dem Nachhauseweg auch manchmal gespielt und getrödelt. Auch an Fliegeralarm kann ich mich noch gut erinnern, dann mussten wir auf schnellstem Wege einen Unterschlupf aufsuchen. Wenn wir ein Gehöft nicht mehr erreichen konnten versteckten wir uns im Gebüsch. In der Schule herrschten noch die Gebräuche aus der Nazizeit und der Unterricht begann nie ohne ein „Heil Hitler” wobei wir den rechten Arm erheben mussten, wie es zu dieser unseligen Zeit üblich war. Im Frühjahr 45 war es dann zunächst einmal vorbei mit der Schule, denn der größte Flücht­lingsstrom hatte eingesetzt und auch unsere Klassenräume wurden mit meh­reren geflüchteten Familien besetzt. Im Herbst 45 fing es dann in einem von zwei Klassenräumen mit 8 Schuljahrgängen und über 50 Kindern mühsam wieder an. Fast die Hälfte der Kinder waren Heimatvertrieben, „Flüchtlings­kinder”, wie wir sagten. Wurde bis zu dieser Zeit nur Plattdeutsch unterein­ander und Hochdeutsch in der Schule gesprochen, so hörte man jetzt Ost­preußisch, Schlesisch und andere Mundarten auf dem Schulhof. Auch unsere Lehrerin war eine Ostpreußin und fiel durch ihre Größe (Fräulein Doppelmeter) auf und machte immer einen strengen und autoritären Eindruck auf uns. Einige Jahre später kam dann eine zweite Lehrkraft, ein junger Lehrer, dazu und auch der Klassenraum stand uns wieder zur Verfügung. Dadurch wurde der Unterricht natürlich erfolgreicher, es gab jetzt auch Sportunterricht, den wir mit Begeisterung annahmen. Auch erste Schulausflüge wurden unter­nommen, so dass wir die nähere Umgebung kennen lernten. Ausflüge zum Dümmersee, nach Osnabrück, Bad Iburg standen im Sommer an. Für eine mehrtägige Fahrt zur Insel Wangerooge wurde ein ganzes Jahr gespart und blieb für alle ein unvergessenes Ereignis. Die Kleidung war zum größten Teil von den Müttern, oder so genannten Hausschneiderinnen (Nägeschken) die auf Bestellung ins Haus kamen, geschneidert und wurde von den größeren auf die kleineren Kinder übernommen. Das gängigste Fußwerk waren die Holzschuhe, die zur längeren Haltbarkeit mit Gummistück auf den Laufflächen besohlt wurden, um die Haltbarkeit zu verlängern. So mancher Holzschuh erlebte beim Fußballspielen in den Pausen oder beim Bolzen auf der Wiese ein frühes Ende. In den Klassenräumen mussten die Holzschuhe gegen Pantoffeln, zum Teil aus selbst geflochtenem Stroh ausgetauscht werden. Später wurde auch ein Schulgarten angelegt, um den Biologieunterricht mit praktischen Beispielen zu untersuchen, bzw.. durch die Ergebnisse zu be­stätigen. In den letzten Jahren meiner Schulzeit hatten wir einen jungen, sehr guten Pädagogen als Lehrer, der uns auf ein demokratisches Leben nach der Schulzeit hinführte. Eine Schülerselbstverwaltung mit einem Obmann, einem Ordner und verschiedenen Fachwarten wurde eingeführt und jedes halbe Jahr neu gewählt. Unser Lehrer war der Meinung, dass dieses die richtige Rüstung für ein Leben nach der Schulzeit sei. Die Ausbildung stand natürlich im krassen Gegensatz zur autoritären Schule der Kriegszeit. Ich bin auch heute noch davon überzeugt, dass es eine gute Hilfe für das Leben nach der Schule war und geholfen hat, uns im Berufsleben zu bewähren.

Spielen in der Nachkriegszeit

Natürlich war das Spielen in dieser Zeit geprägt von den Ereignissen des Krieges. Spielzeug, von denen heute die Läden voll sind, war nicht vorhan­den. Was es gab war von den Eltern gebaut oder von uns, bzw.. den älteren Kindern, gebastelt. Kriegsspielen gehörte zu den liebsten Beschäftigungen und die Geräusche von Fliegern, Panzern und Kanonen konnten wir recht gut nachmachen. Der beliebteste Spielplatz war der Wald durch den wir, mit einer Steinschleuder ausgerüstet, stundenlang streifen konnten. Manches Vogel­nest wurde ausgenommen, die Eier ausgeblasen und mit einem Faden zu einer Eierkette erstellt. Heute würde man das sicher als Frevel an der Natur bezeichnen, ich kann mich aber nicht erinnern, dass dadurch die Vögel von denen es im Übermaß gab, weniger geworden wären. Manchen Sonntag­nachmittag verbrachten wir im nahe gelegenen Torfstich, in dem Schwarztorf als Brennmaterial abgebaut wurde. Der heute als Dünger in den Blumen­beeten so begehrte Weißtorf wurde damals als Ballast in den abgetorften Schwarztorfkuhlen gebunkert. Mit den Torfloren spielen und Torfballschlachten ließen die Zeit schnell vergehen. Wenn wir gegen Abend müde und hungrig nach Hause kamen sahen wir aus wie in der Moorkuhle gesuhlt. Die nachfolgende Wäsche unter der Wasserpumpe war nicht so einfach und ist mir in unangenehmer Weise in Erinnerung geblieben. Aber von einer warmen Dusche haben wir damals noch nicht einmal geträumt. Flötpfeifen konnten wir aIs Kinder schon sehr früh aus Vogelbeerholz bauen und jeder Junge hatte davon mehrere in seiner Hosentasche. Die Mädchen spielten selten mit uns, denn sie hatten andere Interessen. Sie machten Hüpfspiele auf der Straße und ermittelten dort ihre Gewinner. Auch Ballspiele waren sehr beliebt sofern man einen Ball besaß. Wenn ein Mädchen allein war wurde der Ball gegen die Wand geworfen und unter mitzählen zurück geboxt, bis er nicht mehr erreicht Wurde. Jeder versuchte seinen Ballkontakt so zu steigern, bis er seinen persönlichen Rekord überboten hatte.

Hamstern und Kulturleben

Nach Kriegsende hatte das Geld, damals gab es die Reichsmark in Deutschland, seine Bedeutung zum größten Teil verloren, da es kaum etwas zu kaufen gab. Die Wirtschaft war zerstört, aber die Bevölkerung in den Städten und Dörfern war durch die Flüchtlingswelle angestiegen. Hunger und Wohnungs­not hinterließen große Armut bei den Überlebenden des schrecklichen Krieges. Jeder versuchte auf seine Weise sich die lebensnotwendigen Essenssachen zu beschaffen. Wir auf dem Lande hatten meistens noch genug um satt zu werden, aber die Menschen aus der Stadt und den größeren Dörfern versuchten durch Warentausch etwas Essbares zu ergattern, wir nannten es „Hamstern”. Da das Geld seinen Wert verloren hatte, waren diese Tauschgeschäfte für viele die Quelle des Überlebens. Gehamstert wurden Schmuck und andere Wertsachen gegen Fleisch, Kartoffeln und anderes Essbare. Mit meinem Onkel war ich einmal in Osnabrück auf der Vitischanze, er ausgerüstet mit einer Speckseite unter dem Mantel. Man sprach sich vorsichtig an und versuchte ein Tauschgeschäft. Die Bauern durften nur eine anzugebende Menge Vieh halten und das wurde durch so genannte Viehzählungen überwacht. Natürlich versuchte jeder einige Schweine an dieser Zählung vorbei zu lotsen um diese „schwarz zu schlachten”, das heißt unangemeldet und damit eine zusätzliche Einnahmequelle zu haben. Dieses nicht registrierte Fleisch hat so manchen Bauern zu Einnahmen für den Aufbau einer erfolgreichen Landwirtschaft verholfen und manchen hungrigen Stadtmenschen satt werden lassen. Viele Menschen kamen aufs Land, um für Essen und Trinken in der Landwirtschaft zu helfen. Diese Menschen wurden auf den Bauernhöfen auch gebraucht, da die Arbeiten noch alle von Mensch und Pferd bewältigt werden mussten. Dass diese Menschen nicht immer so ehrlich waren, lag sicher auch an den gegebenen Umständen. So hatte mein Vater einen jungen Mann in der Landwirtschaft eingestellt, der ihm bei der Arbeit helfen sollte. Es war ein etwa 20-jähriger Behinderter, von Beruf Schornsteinfeger, mit Namen Kurt. Er war ein sportlicher Typ, was er uns Kindern immer wieder bewies wenn er auf Händen über die Wiese stolzierte. Sein Wunsch war damals ein Fahrrad zu besitzen, offensichtlich konnte er es sich aber nicht leisten. Darum trat unser Vater in Vorleistung und besorgte ihm ein Fahrrad. Er sollte es abar­beiten, solche Vereinbarungen waren damals normal. Doch als er sein Fahr­rad einige Tage hatte, war am anderen Morgen seine Kammer leer. Neben dem Rad hatte er sich auch noch einige Weckgläser mit eingemachtem Fleisch mitgehen lassen. Von unserem Kurt haben wir nie wieder etwas gehört. Einem Bekannten von ihm hat er einige Jahre später eine Ansichtskar­te aus Australien geschickt. Der Einsatz von Landmaschinen erfolgte erst sehr langsam nach der Währungsreform. Auch das „Schnapsbrennen” kam nach dem Krieg groß in Mode. Er wurde für die ersten Feiern, die so langsam wieder veranstaltet wurden, gebraucht und an gute Freunde vertauscht. Natürlich war das Schnapsbrennen verboten, ich glaube aber, dass dieses Verbot die Sache erst richtig reizte, und so mancher Dorfpolizist wurde mit einer Flasche Selbstgebranntem bestochen. Die ersten halboffiziellen Feiern waren die so genannten „Holzschuhbälle”, bei der sich Freunde und Bekannte auf einer Bauerndiele einfanden. Bei Dudelsackmusik und Selbstgebranntem wurde getanzt und gefeiert bis der Morgen graute. Langsam begann sich das Leben wieder zu normalisieren, erste Geschäfte machten wieder auf. Die Kriegsrückstände wurden beseitigt und manches Fliegerteil, welches noch nicht entsorgt war, wurde irgendeiner Funktion zugeführt, gebrauchen konnte man ja alles. Die ersten Schrotthändler zogen übers Land und manches „Geschäft” wurde ohne Buchführung abgeschlossen. Wenn einer ein Fahrrad hatte, so konnte er sich reich schätzen. Viele Flüchtlingsfrauen hatten keines und fuhren zum Einkaufen ins 5 km entfernte Dorf mit dem Milchwagen, der die Kannen bis zur Molkerei brachte. Nach dem Einkaufen ging es dann auf dem selben Weg zurück, wenn man mit dem Einkauf bis zur Abfahrt fertig geworden war, ansonsten musste der Weg zu Fuß angetreten werden. Gegen Ende der 40er Jahre begann sich auch das Kulturleben wieder zu aktivieren. Auf der Wiese wurden provisorisch Tore aufgestellt und nach Feierabend wurde Fußball bespielt. Man traf sich in Nachbardörfern um gegeneinander zu spielen. Für diese Fahrten wurden Fahrräder oder Leiterwagen mit Pferden davor benutzt. Die Schützenvereine trafen sich wieder, wurden neu gegrün­det und veranstalteten ihre ersten Feste nach dem Krieg. Diese Zeit mit der heutigen zu vergleichen ist nicht realistisch, wer sie aber miterlebt hat, der weiß, wie schnell sich die Zeiten verändern können.